Editorial
Iran holt sich Chinas Spielbuch — der Fall Barati und das Mabna-Institut
Ein iranischer Hacker in Montenegro verhaftet, ein 2018 aufgelegter US-Anklagefaden, 31 Terabyte Forschungsdaten in acht Jahren. Kim Zetter zeichnet nach, wie Teheran vor etwa 2013 — im gleichen Jahr, in dem Mandiant China als APT-1 entlarvt hat — begann, Wirtschaftsspionage nach chinesischem Vorbild aufzubauen. Was das für deutsche Universitäten und Forschungseinrichtungen bedeutet.
„One of the largest state-sponsored hacking campaigns ever prosecuted." — US-Justizministerium zur 2018 aufgelegten Anklage gegen neun Iraner, zitiert in Kim Zetter, „Arrest of Iranian Hacker Spotlights Iran's Movement into Economic Espionage and IP Theft", Zero Day, 1. Juli 2026
Ein Detail aus Kim Zetters Bericht dürfte deutschen Forschungs-CIOs die Stirn runzeln lassen: Als das US-Justizministerium 2018 neun Iranern die Attacken auf über 300 Hochschulen weltweit vorwarf, standen 176 Universitäten außerhalb der USA auf der Opferliste — verteilt über rund zwei Dutzend Länder. Deutschland ist in der Aufzählung namentlich genannt. Konkrete Institutionen sind in der offenen Aktenlage nicht benannt, aber die geografische Bandbreite und die Fokus-Disziplinen — Ingenieur- und Naturwissenschaften, Medizin, Sozialwissenschaften — machen es zu einer Frage der Wahrscheinlichkeit, nicht der Möglichkeit, dass deutsche Häuser betroffen waren.
Anlass des Berichts ist die Verhaftung von Amir Barati, einem 39-jährigen iranisch-türkischen Staatsbürger, letzte Woche in Montenegro auf Ersuchen des FBI. Barati wird vorgeworfen, seit 2013 mehr als 150 US-Hochschulen im Auftrag der Iranian Revolutionary Guard Corps (IRGC) und iranischer Universitäten angegriffen zu haben. Der bezifferte Schaden: 3,4 Milliarden US-Dollar. Diese Zahl deckt sich exakt mit dem 2018er-Verfahren gegen das sogenannte Mabna-Institut aus Teheran — eine Firma, die laut US-Anklage etwa 2013 ausdrücklich zu dem Zweck gegründet worden sei, im Auftrag iranischer staatlicher und privater Kunden akademisches geistiges Eigentum aus dem Ausland zu stehlen.
Der Fall Barati ist damit vermutlich das erste sichtbare Werkzeug, mit dem sich das Mabna-Verfahren nach acht Jahren aus den überwiegend versiegelten Akten heraus in eine Verhaftung verwandelt.
Was Zetter argumentiert — und warum es für Deutschland zählt
Zetter zieht eine bemerkenswerte Parallele: Das Mabna-Institut wurde „in etwa 2013" gegründet. 2013 ist ebenso das Jahr, in dem Mandiant den Report APT-1 veröffentlichte, der China erstmals umfassend als staatlichen Wirtschaftsspionage-Akteur exponiert hat. Ihre These, offen als Frage formuliert: Hat Teheran im Fall China gesehen, was möglich ist, und die eigenen Kapazitäten in dieselbe Richtung gedreht?
Vorher, so Zetter, war iranische Cyber-Aktivität nach außen vor allem geprägt durch DDoS-Kampagnen gegen US-Banken, den Angriff auf einen kleinen Stauwehr-SCADA in New York State, die Ransomware-Welle gegen 200 US-Kommunen und Krankenhäuser sowie 2020er-Wahleinfluss-Operationen. Der lange Arm nach akademischen und industriellen Forschungsdaten ist ein neuer Akzent — und dieser Akzent ist geeignet, das deutsche Bedrohungsbild neu zu justieren.
Denn während der Verfassungsschutz in seinen jährlichen Wirtschaftsschutz-Berichten seit Jahren vor chinesischer Innovations-Abschöpfung warnt und mit dem Präventions-Angebot Wirtschaftsschutz gezielt an Hochschulen herantritt, ist die iranische Komponente in dieser Diskussion bislang eher randständig. Der Fall Barati macht deutlich, dass die iranische Aktivität nicht nur existiert, sondern seit über einer Dekade methodisch betrieben wird — mit Schwerpunkt auf demselben Sektor, der das Rückgrat deutscher Innovationsfähigkeit trägt: Fraunhofer, Helmholtz, Max-Planck, DFG-geförderte Verbünde, technische Universitäten.
Der Angriffsvektor ist unspektakulär und deswegen erfolgreich
Was den Vektor betrifft, den die Mabna-Anklage 2018 aufzeigte, gibt es kaum Überraschendes — und genau deswegen keinen Grund zur Beruhigung. Die Angreifer versendeten Spear-Phishing-Mails, die aussahen wie kollegiale Zitations-Hinweise: „I read your recent paper on X, would you like to discuss?", gefolgt von einem Link auf eine gefälschte Bibliotheks- oder Publisher-Login-Seite. Wer die Uni-Zugangsdaten dort eingab, händigte den Angreifern nicht nur seinen eigenen Account aus, sondern öffnete den Zugriff auf Bibliotheks-Ressourcen, Publisher-Datenbanken, Grants-Verwaltung und E-Mail-Postfächer.
Aus 100 000 anvisierten Konten gelangen laut US-Anklage rund 8 000 Kompromittierungen, davon etwa die Hälfte bei US-Professoren. Für die kompromittierten Accounts richteten die Angreifer teilweise automatische Weiterleitungsregeln ein — eine Persistenz-Technik, die von SIEM-Regeln in Hochschul-Umgebungen bis heute selten zuverlässig erkannt wird.
Der Angriff braucht keine 0-Days. Er braucht Geduld, gute Ziel-Recherche in ORCID-Profilen und Konferenzprogrammen, ein passables Englisch — und ausreichend viele Ziele, damit die Wahrscheinlichkeitsverteilung stimmt.
Iran ist nicht China — was das relativiert, und was nicht
Zetter selbst betont am Ende ihres Beitrags einen wichtigen Unterschied: Iranische Operationen wirkten technisch und organisatorisch weniger reif als chinesische. China operiert mit einer Konstellation aus Frontfirmen, MSS-verbundenen Hackern und PLA-nahen Contractors in klarer Hierarchie. Iran hat Mabna, hat IRGC-nahe Contractor-Firmen, hat weitere semi-staatliche Cyber-Einheiten — aber die Grenze zwischen Auftragsdiebstahl im staatlichen Interesse und Auftragsdiebstahl im Uni-Privatinteresse ist deutlich unschärfer.
Diese geringere Reife heißt nicht: geringere Wirksamkeit. 31 Terabyte gestohlene Forschungsdaten aus einem einzigen Institut über acht Jahre sprechen eine deutliche Sprache. Die Reife-Frage ist relevant für die Abwehr-Priorisierung — wer chinesische Angriffe mit vollem Full-Kill-Chain-Instrumentarium abwehrt, wird Iran mit einem Bruchteil des Aufwands ebenfalls stoppen. Aber „geringere Reife" ist nicht dasselbe wie „geringere Ambition", und die Ambition ist strategisch: technologische Aufholjagd in einem sanktionsdurchsetzten Umfeld.
Was Forschungseinrichtungen in Deutschland konkret tun sollten
Aus dem, was in der 2018er-Anklage steht, ergeben sich vier Handlungsanker, die für deutsche Hochschulen und Forschungsinstitutionen unmittelbar operativ sind:
- Login-Härtung für Bibliotheks- und Publisher-Zugänge. Shibboleth-SSO mit hardware-basierter MFA ist die einzige robuste Antwort auf Credential-Phishing. Wer 2026 noch mit Benutzername + Passwort auf JSTOR, Elsevier oder Springer zugreift, spielt in einem Spiel, das die 2013-Angreifer gewinnen.
- Auto-Forward-Regeln aktiv detektieren. In Exchange und Google Workspace: jede neu angelegte Weiterleitungsregel muss ein Alert auslösen, und externe Weiterleitungen sollten Policy-blockiert sein, nicht nur „empfohlen abgeschaltet".
- Spear-Phishing-Awareness bei Postdocs, Doktorand:innen, wissenschaftlichen Mitarbeitenden. Die Ziele sind nicht Präsidien und Dekanate, sondern die Menschen, die für Fachpublikationen und Datensätze zugriffsberechtigt sind. Sensibilisierung muss dort ansetzen.
- BSI und BfV Wirtschaftsschutz als Ansprechpartner nutzen. Beide bieten kostenfreie Beratung an. Ein Anruf ist billiger als ein Terabyte gestohlener Dissertations-Rohdaten.
Was der Fall Barati zusätzlich bedeutet
Barati wurde in Montenegro verhaftet, weil Iran kein Auslieferungsabkommen mit den USA hat — Verhaftungen sind nur möglich, wenn die Person das Land verlässt. Das erklärt, warum acht Jahre nach der 2018er-Anklage erst jetzt jemand vor Gericht steht, und warum die 2020er Anklage gegen drei Iraner im Satelliten-Sektor bislang keinen einzigen Angeklagten in einer westlichen Zellentür gesehen hat.
Für die Verteidiger-Seite ist das eher demütigend als beruhigend. Der operative Betrieb der iranischen Wirtschaftsspionage läuft aller Wahrscheinlichkeit nach ungestört weiter, während sich Justizakten stapeln. Der einzige Ansatzpunkt, an dem deutsche Institutionen ihre Position wirklich verbessern können, ist die eigene Härtung — nicht das Warten auf westliche Strafverfolgung.
Zetters Beitrag ist in dieser Hinsicht ein nützlicher Realitätscheck, gerade zum Halbjahr 2026: Wer die iranische Bedrohung als reine DDoS-und-Ransomware-Sache im Kopf hat, hinkt der Lage um über zehn Jahre hinterher.
Originalquelle nur englisch verfügbar: Kim Zetter, „Arrest of Iranian Hacker Spotlights Iran's Movement into Economic Espionage and IP Theft", Zero Day, 1. Juli 2026. Details zum 2018-Verfahren aus der offiziellen SDNY-Anklageschrift (US v. Rafatnejad et al.).